Goethe-Zertifikat C2 · Niveau C2
Leçon 12 : Literarische Lesung — Bachmann, Sprache und Widerstand
📌 Hören (Compréhension orale)Cours
Moderatorin: Willkommen bei „Lesarten“. Heute lesen wir Bachmann — was immer ein wenig so ist, als würde man in einer Sprache nach dem suchen, was sie verschweigt.
Amina Bah: Und zugleich nach dem, was sie retten könnte.
Moderatorin: Ich lese aus „Die gestundete Zeit“: „Es kommen härtere Tage. / Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont …“
Amina: Schon diese ersten Verse kippen jede Bequemlichkeit. „Gestundet“ ist ja ein ökonomisches Wort, fast bürokratisch. Als wäre Zeit nur geliehen, provisorisch gewährt.
Moderatorin: Also keine lyrische Ewigkeit, sondern Frist.
Amina: Genau. Und darin liegt das Politische. Nach dem Nationalsozialismus kann Sprache nicht unschuldig weiterreden, als sei nichts gewesen.
Moderatorin: Bachmann sagte einmal, man müsse über die Sprache hinausgehen — paradox genug für eine Schriftstellerin.
Amina: Paradox, aber notwendig. Sie misstraut der beschädigten Sprache und arbeitet doch gerade in ihr, gegen sie, durch sie hindurch.
Moderatorin: Das erinnert an Celan.
Amina: Ja, allerdings anders temperiert. Bei Celan wird Sprache oft zur dunklen Verdichtung, bei Bachmann zur gefährdeten Klarheit. Beide schreiben nach der Katastrophe, aber nicht im selben Atem.
Moderatorin: Und die Wiener Gruppe?
Amina: Die experimentierte radikaler mit Sprachmaterial. Bachmann steht daneben und quer dazu: weniger Spiel, mehr existenzielle Sprengkraft.
Moderatorin: Was berührt Sie persönlich an diesem Text?
Amina: Dass Sprache hier nicht Heimat ist, sondern Prüfung. Als Franco-Guineerin kenne ich dieses Schwanken zwischen Idiomen: Man spricht und merkt doch, dass jedes Wort etwas auslässt.
Moderatorin: Das heißt, Sie lesen Bachmann auch translingual?
Amina: Unbedingt. Ihr Schreiben zeigt, dass man einer Sprache nur treu sein kann, indem man ihr nicht blind vertraut.
Moderatorin: Im gelesenen Ausschnitt fällt die wiederholte Vorankündigung auf, fast wie ein Menetekel.
Amina: Ja, eine prophetische Syntax. Die Verse schieben Zukunft ins Jetzt. Das Drohende ist grammatisch schon anwesend.
Moderatorin: Dann ist „Die gestundete Zeit“ nicht nur privat existenziell zu lesen?
Amina: Keineswegs. Das Gedicht trägt die politische Wetterlage in sich. Die Frist ist historisch — und vielleicht, leider, nie ganz abgelaufen.
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Exercices liés à cette leçon
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1. Quelle conception du langage Bachmann défend-elle selon la discussion ?
2. Comment Amina relie-t-elle l’œuvre de Bachmann à sa propre expérience interculturelle ?
3. Quelle référence à Paul Celan est faite et pourquoi ?
4. Quel procédé stylistique de Bachmann la modératrice identifie-t-elle dans l’extrait lu ?
5. Quelle est la signification implicite de la phrase « Die gestundete Zeit » dans le contexte politique ?